Berliner Erklärung zur Einzigartigkeit Christi und zur Evangelisation unter Juden in Europa heute

Eine internationale Projektgruppe des Theologischen Ausschusses der Weltweiten Evangelischen Allianz traf sich vom 18. bis 22. August 2008 in Berlin (Deutschland) unter dem Thema „Die Einzigartigkeit Christi und Evangelisation unter Juden“. Wir haben erörtert, wie unsere Gemeinschaft – vor allem in Europa – echte Liebe für das jüdische Volk zum Ausdruck bringen kann. Zu den Teilnehmern gehörten Christen aus Deutschland sowie messianische Juden.

  1. Liebe schweigt nicht still: Buße ist nötig Wir bereuen zutiefst die viel zu oft geschehene Verfolgung jüdischer Menschen im Namen Jesu. Wir leugnen keinen Augenblick die Bosheit, für die sie steht. Als sich das jüdische Volk während des Völkermordes im Holocaust in seiner schlimmsten Lage befand, haben die meisten christlichen Gläubigen geschwiegen. Viele haben sich – wie etwa im direkt nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedeten Stuttgarter Bekenntnis – entschuldigt, weil sie ihre Stimme nicht erhoben und nichts getan haben, um dem jüdischen Volk gegenüber mehr echte christliche Liebe zu zeigen. Einige unserer Brüder und Schwestern in der christlichen Gemeinschaft Europas haben auch gelitten, weil sie sich den Antisemiten und übeltätern widersetzten. Viele weitere Menschen empfinden heute Scham und Schande, weil im Ganzen niemand protestiert hat. Als Ergebnis ist eine offensichtliche Unsicherheit bezüglich der Beziehung zu jüdischen Menschen entstanden. Auch besteht die Tendenz, direktes Evangelium mit jüdisch-christlichem Dialog zu ersetzen.

    Wir glauben, dass echte Liebe nicht passiv sein kann. Jesus hat gelehrt: Wahre Liebe kann nicht gefühllos bleiben, wenn andere Menschen in Not und Schwierigkeiten sind. Ehrliche Liebe muss einen Ausdruck der guten Botschaft Christi in Wort und Tat beinhalten. Darum dürfen Christen allerorts nicht wegschauen, wenn jüdische Menschen dasselbe Bedürfnis nach Vergebung der Sünde und wahrem Schalom haben wie Menschen aller Nationen. Handelnde Liebe verpflichtet alle Christen, das Evangelium mit anderen Menschen zu teilen; dazu gehören auch die jüdischen Menschen Europas.
  2. über den Völkermord hinaus: Das Problem der Sünde
    Wir bekennen die innerhalb der europäischen christlichen Geschichte vorgefallene „Verachtungslehre“, Intoleranz gegenüber jüdischen Menschen und dem Judentum, abscheuliche Verbrechen der Folter, Antisemitismus in Haltung, Wort und Tat. Die historischen Ereignisse des Holocaust entwickelten sich in einem Klima des Antisemitismus. Aufgrund dieser historischen Tatsachen hat die Deutsche Evangelische Allianz ihre Reue und Verantwortung dafür zum Ausdruck gebracht, dass die Christen geschwiegen und nur so wenige Versuche unternommen haben, dem Schrecken ein Ende zu setzen.
    Jüdische Menschen legen das Versagen der Christen, während des Zweiten Weltkriegs die Stimme zu erheben, als Komplizenschaft im Völkermord aus. Es gab jedoch einige mutige Christen, die durchaus ihre Stimme erhoben sowie ihr eigenes Leben eingesetzt und manchmal auch gelassen haben, um Juden zu retten.
    Im Lichte des aufsteigenden europäischen Antisemitismus und der antiisraelischer Haltung ist nun Wachsamkeit geboten. Jüdische Menschen sind nicht die einzigen Opfer des Völkermordes, wie heute offensichtlich ist. Der Holocaustüberlebende Primo Levi hat gewarnt: „Es ist geschehen. Darum kann es auch wieder geschehen.“ Die Quelle allen Völkermordes ist Sünde. Von dieser Sünde ist die gesamte Menschheit betroffen – sowohl der Verfolger als auch der Leidende. Gottes Reaktion auf Sünde ist das Evangelium. Darum muss diese Gnade jedem Menschen verkündet werden.
  3. Die Lösung für Sünde: Die Einzigartigkeit Christi
    Wir erkennen, dass Völkermord die Abscheulichkeit der Sünde deutlich demonstriert. Gott ist nicht für Völkermord verantwortlich. Verantwortlich sind wir Menschen. Gott hat die Lösung geschenkt.
    Es wird oft als unannehmbar eingestuft, die religiösen Ansichten eines anderen Menschen herauszufordern. Trotzdem betrachten wir ein Versagen, das Evangelium weiterzugeben, als Missachtung des Problems der Sünde. Niemand sollte Jesu Einstufung der menschlichen Sünde missachten. Jeder braucht, was Gott in seiner Gnade anbietet: Freie Vergebung der Sünde und eine verwandelnde Gegenwart Gottes in denjenigen, die reagieren. Jesus wollte nicht dominieren; er gab sich selbst am Kreuz als Opfer für Sünde. Sein Tod reinigt von der Schuld der Sünde und sorgt für eine neue Beziehung mit Gott. Dieses Geschenk lässt sich nicht verdienen; genauso wenig wird man hineingeboren. Wir nehmen es an, indem wir zugeben, dass Gott für alles sorgen muss, was uns fehlt.
    Jesus als den jüdischen Messias zu bekennen, bestätigt seine Einzigartigkeit als Person – vor allem Juden gegenüber. Denn die Vorstellung vom Messias (oder Christus) ist ein jüdisches Konzept. Er ist gesandt als das Wort, gesalbt als Messias und von Gott dazu erhoben, zu seiner Rechten zu sitzen. Durch die Auferstehung hat Jesus teil an der Herrlichkeit, Aufgabe und Autorität Gottes. Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet oder Religionslehrer. Vielmehr ist er der einzigartige Sohn Gottes; er vermittelt Gottes Verheißung und teilt sie aus. Durch seine göttliche Autorität dehnt Jesus sein Angebot auf alle Menschen aus. Er hat das göttliche Vorrecht, Sünde zu vergeben und Anbetung zu empfangen. Darum bekennen wir Jesus sowohl als Mensch als auch als Gott.
    Gott ruft Gläubige dazu auf, das Evangelium in die Welt zu tragen. Jeder muss diese Botschaft hören – auch das jüdische Volk. Die Verkündigung an Israel war Jesu Priorität. Es war auch Praxis der Apostel, zuerst zu den Juden zu gehen. Seit Jesus kam, ist nichts geschehen, dass die Not Israels oder der Nationen geändert hat.
  4. Der Aufruf zum Handeln: Evangelisation unter Juden
    Christen sind aufgerufen, diese gute Botschaft in Sensibilität und Demut weiterzugeben. Zeugnis für das Evangelium sollte von herzlicher Liebe motiviert sein und auf praktische Weise seinen Ausdruck finden. Daher solidarisieren wir uns mit dem jüdischen Volk; wir stehen gegen Antisemitismus, Vorurteile und Diskriminierung. Dieses sündige Verhalten ist unvereinbar mit der Berufung der Jünger Christi.
    Vor allem laden wir jüdische Menschen und alle anderen ein, über die Ansprüche Jesu nachzudenken. Wir teilen dieses Evangelium mit Israel und allen Völkern, jedoch nicht als Angriff auf den Glauben anderer. Wir unterstützen das Recht eines jeden Menschen auf Redefreiheit, Religionsfreiheit und die Offenheit für alle. Während wir die Ansichten anderer respektieren, fordern wir sie dennoch heraus, über die Botschaft vom Messias nachzudenken.
    Christen können vom jüdischen Volk viel lernen. Wir erkennen, dass wir auf jüdische Anliegen hören sollten. Wir bestätigen die Wichtigkeit des Dialogs, um gegenseitiges Verständnis und Wohlwollen zu fördern. Dialog liefert eine Möglichkeit, um tief empfundene Glaubenswahrheiten im Umfeld gegenseitiger Achtung mitzuteilen. Dialog und Evangelisation schließen sich gegenseitig nicht aus. Wir lehnen die Behauptung ab, Evangelisation sei betrügerisch in ihrem Anspruch, dass Juden an Jesus glauben können. Ebenfalls lehnen wir die Anklage ab, Evangelisation entspräche geistlichem Völkermord. Wir bekräftigen das Recht jüdischer Menschen, die an Jesus glauben, jene Traditionen auszuüben, die ihre Identität bestätigen, Gottes Treue zu seinem Volk widerspiegeln und die Messianität Jesu unterstreichen. Wir erkennen die wichtige Rolle messianischer Juden im Werk und Zeugnis der Gemeinde. Ihr besonderer Beitrag zeugt von den jüdischen Wurzeln des Christentums und führt zum Verständnis unserer jüdischen Wurzeln. Sie erinnern uns an die jüdische Identität Jesu und der ersten Christen. Sie verweisen auch auf die Erfüllung der Verheißung Gottes, sein Volk zu retten. Wir ermutigen sie, fest zu ihrer Identifikation zu stehen und treue Zeugen für ihr Volk zu sein. Der Herr wird auch durch die sichtbare Versöhnung von Juden und Deutschen im Leib Christi verherrlicht.

Der nächste Schritt
Als Christen, denen am Wohlergehen und der Errettung des jüdischen Volkes gelegen ist, rufen wir daher auf zu
  • Respekt für religiöse überzeugungen und jener Freiheit, die Raum für Diskussion religiöser Ansprüche schafft
  • Abkehr von jeglicher Form des Antisemitismus und allen anderen Formen von Völkermord, Vorurteil und Diskriminierung
  • Anerkennung der Einzigartigkeit Christi als des gekreuzigten, auferstandenen und göttlichen Messias, der allein vom Tod erretten und ewiges Leben schenken kann
  • Versöhnung und Einheit unter den Gläubigen an Jesus
  • Erneuter Hingabe an die Aufgabe der Evangelisation unter Juden
Quelle: Deutsche Evangelische Allianz e.V.Deutsche Evangelische Allianz e. V.

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